DAS BACHNEUNAUGE

Ein "lebendes Fossil", weder Fisch noch Wurm

Bachneunauge (Lampetra planeri)

Das Bachneunauge ist eine nicht-parasitäre Art, die ausschließlich in Süßgewässern lebt. Nach der Metamorphose nimmt es keine Nahrung mehr auf und widmet sich ausschließlich der Fortpflanzung. Es ist die kleinste der heimischen Neunaugenarten und kommt überwiegend in den nördlichen und westlichen Donauzuflüssen vor.


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März 2025

Unterwasserfotos: Oliver R. Seikel / Fliegenfischerschule-Hessen

März 2025

Filmaufnahmen: Oliver R. Seikel / Fliegenfischerschule-Hessen

März 2025

Filmaufnahmen: Oliver R. Seikel / Fliegenfischerschule-Hessen


Das Neunauge: Ein lebendes Fossil in unseren Gewässern

 

Das Neunauge gehört zu den ältesten noch lebenden Wirbeltierarten und stellt ein faszinierendes Relikt aus einer längst vergangenen Erdepoche dar. Mit seinem unverwechselbaren kreisförmigen Saugmaul und dem aalartigen Körper verkörpert dieser Urzeit-Bewohner unserer Gewässer ein lebendiges Zeugnis der Evolution. Besonders bemerkenswert ist das Laichverhalten dieser kieferlosen Wasserbewohner, bei dem mehrere Tiere gemeinsam Laichgruben im Kies anlegen und in einem komplexen Paarungsritual ihre Fortpflanzung sichern. Nach ihrem evolutionären Ursprung vor etwa 500 Millionen Jahren haben Neunaugen zahlreiche Erdzeitalter überdauert und sich bis heute in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Das Verständnis dieser urzeitlichen Tiere bietet nicht nur Einblicke in die Entwicklung der Wirbeltiere, sondern unterstreicht auch die Bedeutung ihres Schutzes in unseren heimischen Gewässern.

 

Evolutionsgeschichte: Ein halbes Jahrmillionen Überlebenskunst

Die Neunaugen stellen eine der ältesten noch lebenden Wirbeltiergruppen dar. Sie sind vor etwa 500 Millionen Jahren entstanden und damit fast doppelt so alt wie die modernen Knochenfische. Als "lebende Fossilien" bezeichnet, haben sie sich seit ihrer Entstehung morphologisch kaum verändert. Genomische Untersuchungen zeigen, dass Neunaugen zwar wie der Mensch zu den Wirbeltieren gehören, sich jedoch schon sehr früh vom evolutionären Ast abzweigten, der später zu den Landwirbeltieren und modernen Fischen führte.

 

Besonders bemerkenswert sind die genetischen Grundlagen dieser Tiere. Die Analyse des Neunaugengenoms offenbart, dass bereits vor dem Abzweigen der kieferlosen Rundmäuler das Genom zweifach komplett verdoppelt wurde. Neunaugen besitzen etwa 26.000 Gene – eine ähnliche Anzahl wie das menschliche Genom. Diese Erkenntnisse belegen, dass die grundlegende Architektur des Wirbeltiergenoms bereits sehr früh in der Evolution angelegt wurde. Die Reihenfolge der duplizierten Gene ist über die Jahrmillionen bemerkenswert konstant geblieben.

 

Neue Fossilienfunde aus China haben weitere Erkenntnisse zur Evolution dieser Tiere geliefert. 160 Millionen Jahre alte versteinerte Exemplare zeigen, dass die parasitäre Ernährungsweise der Neunaugen deutlich älter ist als bisher angenommen. Der gemeinsame Vorfahre aller Wirbeltiere, einschließlich der Neunaugen, besaß bereits vor einem halben Jahrmillionen viele der genetischen Grundlagen, aus denen später Kiefer, myelinisierte Axone im Nervensystem, ein adaptives Immunsystem und paarige Gliedmaßen entstanden.

 

Die Stellung im Stammbaum der Wirbeltiere

Neunaugen gehören nicht zu den Fischen, sondern bilden zusammen mit den Schleimaalen die Gruppe der kieferlosen Rundmäuler (Cyclostomata). Sie stehen an der Basis des Wirbeltierstammbaums und repräsentieren einen frühen Abzweig in der Evolution der Wirbeltiere. Genetische Analysen haben gezeigt, dass etwa 1,2 bis 1,5 Prozent aller Gene des Menschen nicht, wie zuvor vermutet, spezifisch für modernere Wirbeltiere mit Kiefern sind, sondern bereits im gemeinsamen Vorfahren aller Wirbeltiere vorhanden waren.

 

Anatomie und Besonderheiten: Weder Fisch noch Wurm

 

Der Name "Neunauge" und seine Herkunft

Entgegen dem, was ihr Name vermuten lässt, haben Neunaugen nicht neun Augen, sondern lediglich zwei. Die Bezeichnung "Neunauge" resultiert aus einer optischen Täuschung: Jede Körperseite weist zusammen mit dem eigentlichen Auge, dem Nasenloch und sieben Kiemenspalten insgesamt neun Öffnungen auf, die aus der Distanz wie Augen erscheinen können.

 

Das charakteristische Saugmaul mit Hornzähnen

Das auffälligste Merkmal der Neunaugen ist ihr scheibenförmiges, kieferloses Mundorgan, das mit Hornzähnen besetzt ist. Bei parasitischen Arten wie dem Fluss- oder Meerneunauge dient dieses spezialisierte Maul dazu, sich an Fischen festzusaugen, deren Schuppen abzuraspeln und sich vom Blut und Gewebe zu ernähren. Das Flusseunauge besitzt eine mit zwei großen sowie zahlreichen kleinen Zähnen bewehrte Maulscheibe für seine parasitäre Lebensweise.

 

Körperbau und äußere Erscheinung

Neunaugen haben einen aalartigen, länglichen Körper ohne Schuppen. Sie besitzen keine paarigen Flossen und keine echten Kiefer. Ihr Skelett besteht nicht aus Knochen, sondern aus Knorpel. Der Körperbau ist seit Hunderten von Millionen Jahren nahezu unverändert geblieben, was ihnen den Status als "lebende Fossilien" eingebracht hat. Je nach Art variiert die Größe der adulten Tiere: Bachneunaugen erreichen etwa 10-20 cm, Flussneunaugen werden circa 40 cm lang, während Meerneunaugen noch größer werden können.

 

Der faszinierende Lebenszyklus der Neunaugen

 

Die Larvenphase: Das Leben als Querder

Der Lebenszyklus der Neunaugen beginnt mit einer bemerkenswerten Larvenphase. Die frisch geschlüpften Larven, auch Querder genannt, sind nur wenige Millimeter groß und graben sich in sandigen bis schlammigen Bereichen des Gewässergrunds ein. Diese Phase ist durch einen radikal anderen Lebensstil als bei erwachsenen Tieren gekennzeichnet:

 

Die Querder sind blind und leben mehrere Jahre im Verborgenen. Sie ernähren sich filtrierend von Kieselalgen und anderen Kleinstlebewesen aus dem Wasser. Während dieser Zeit wachsen sie auf eine Körperlänge von 10 bis 20 Zentimeter heran, bevor sie mit ihrer Metamorphose beginnen. Die Larvenphase kann je nach Art drei bis acht Jahre dauern.

 

Metamorphose zum erwachsenen Tier

Am Ende der Larvenphase durchlaufen Neunaugen eine mehrwöchige Metamorphose, bei der sich ihr Körper grundlegend verändert. Während dieser Umwandlung bilden sie ihren Kiemendarm in Kiemen um, und ihre Mäuler entwickeln die charakteristischen Hornzähne. Besonders bemerkenswert ist die Rückbildung des Verdauungstrakts bei adulten Tieren, die sich auf das Laichgeschäft vorbereiten – sie werden in den wenigen verbleibenden Monaten ihres Lebens keine Nahrung mehr aufnehmen.

 

Wanderverhalten unterschiedlicher Arten

Das Wanderverhalten variiert je nach Neunaugenart erheblich:

 

Beim Bachneunauge, das potamodrom lebt, beschränken sich die Wanderungen auf das Süßwasser. Nach der Metamorphose laicht es ab und stirbt.

 

Die anadromen Flussneunaugen hingegen wandern nach ihrer Metamorphose ins Meer ab, wo sie eine zweite Wachstumsphase durchleben. Dort ernähren sie sich parasitär von Fischen, bevor sie als geschlechtsreife Tiere ins Süßwasser zurückkehren. Ihre Aufwanderung beginnt bereits im Herbst, erreicht aber erst im zeitigen Frühjahr ihren Höhepunkt, wenn die Wassertemperaturen deutlich über 5°C steigen.

 

Das Laichgeschäft der Neunaugen

 

Laichzeit und Vorbereitung

Die Laichzeit der Neunaugen findet typischerweise im Frühjahr statt. Bei Flussneunaugen erfolgt die Eiablage, je nach Witterung, im März oder April, während andere Arten im Juni und Juli laichen. Vor dem Laichgeschäft stellen alle Neunaugenarten ihre Nahrungsaufnahme komplett ein und bilden ihren Darm zurück, um ihre verbliebene Energie vollständig in die Fortpflanzung zu investieren.

 

Bau von Laichgruben und Paarungsverhalten

Das Laichverhalten der Neunaugen ist ein faszinierendes Schauspiel. Flussneunaugen versammeln sich in Gruppen von bis zu 20 Tieren beiderlei Geschlechts und heben gemeinsam Laichgruben auf flach überströmten Kiesbänken aus. Diese Laichplätze befinden sich typischerweise in der Äschen- und Barbenregion der Fließgewässer.

 

Für eine erfolgreiche Fortpflanzung benötigen Neunaugen spezifische Bedingungen: Die Eier werden in ein Kiesbett gelegt, das von kühlem, sauberem Wasser umströmt wird. Die Gruppenbildung während des Laichgeschäfts erhöht vermutlich die Überlebenschance der Nachkommen durch koordinierte Aktivitäten bei der Vorbereitung und Pflege der Laichplätze.

 

Der letzte Akt: Sterben nach dem Laichen

Nach der Eiablage erreicht der Lebenszyklus der Neunaugen sein Ende. Die erwachsenen Tiere sterben wenige Tage nach dem Ablaichen. Dieser programmierte Tod nach der Fortpflanzung ist ein evolutionär festgelegtes Muster, das sicherstellt, dass alle Energiereserven in die Reproduktion investiert werden. Die abgestorbenen Elterntiere dienen zudem als Nährstoffquelle für das Ökosystem, in dem ihre Nachkommen heranwachsen werden.

 

Arten von Neunaugen in unseren Gewässern

 

Bachneunauge (Lampetra planeri)

Das Bachneunauge ist eine nicht-parasitäre Art, die ausschließlich in Süßgewässern lebt. Nach der Metamorphose nimmt es keine Nahrung mehr auf und widmet sich ausschließlich der Fortpflanzung. Es ist die kleinste der heimischen Neunaugenarten und kommt überwiegend in den nördlichen und westlichen Donauzuflüssen vor.

 

Flussneunauge (Lampetra fluviatilis)

Das Flussneunauge erreicht eine Länge von etwa 40 cm und führt ein anadromes Leben. Nach dem Larvenstadium wandert es ins Meer, wo es parasitär an Fischen lebt, bevor es zum Laichen in die Flüsse zurückkehrt. Interessanterweise ist es eng mit dem Bachneunauge verwandt – so eng, dass die Larven beider Arten nicht eindeutig voneinander zu unterscheiden sind und beide Formen in gemeinsamen Laichgruben ablaichen können. Kreuzungen beider Arten ergeben überlebensfähige Nachkommen, was zu der Vermutung führt, dass es sich möglicherweise um unterschiedliche Ökotypen derselben Art handeln könnte, ähnlich wie bei Bach- und Meerforelle.

 

Meerneunauge (Petromyzon marinus)

Das Meerneunauge ist die größte der heimischen Neunaugenarten. Auch es lebt parasitär und wandert zum Laichen vom Meer in die Flüsse. Mit seinem stark gezahnten Maul saugt es sich an Fischen fest, raspelt deren Schuppen ab und ernährt sich von ihrem Blut.

 

Donau-Bachneunauge (Eudontomyzon)

In bayerischen Gewässern kommt überwiegend eine Art des Donau-Bachneunauges (Eudontomyzon) vor, während in anderen Regionen das gewöhnliche Bachneunauge (Lampetra planeri) dominiert. Diese regionalen Unterschiede unterstreichen die Vielfalt innerhalb der Neunaugenarten und ihre Anpassung an spezifische Lebensräume.

 

Ökologie und Gefährdung

 

Lebensraumansprüche

Neunaugen stellen spezifische Anforderungen an ihren Lebensraum. Die Larven benötigen feinkörnige, sandige bis schlammige Substrate, in denen sie sich eingraben können. Für die Laichplätze sind hingegen kiesige, von sauerstoffreichem Wasser durchströmte Bereiche essentiell. Diese unterschiedlichen Habitatansprüche während verschiedener Lebensphasen machen Neunaugen besonders anfällig für Gewässerveränderungen.

 

Bestandsrückgang und Gefährdung

In den letzten Jahren sind die Bestände bayerischer Bachneunaugen merklich zurückgegangen. Die Hauptursachen hierfür liegen in der Verschlechterung ihrer Lebensräume durch Gewässerverbauung, Verschmutzung und Fragmentierung durch Querbauwerke, die ihre Wanderungen behindern. Besonders die wandernden Arten wie Fluss- und Meerneunaugen sind von diesen Eingriffen betroffen, da sie für ihre Laichwanderungen durchgängige Fließgewässersysteme benötigen.

 

Bedeutung für die Wissenschaft

Als "lebende Fossilien" sind Neunaugen von unschätzbarem Wert für die Wissenschaft. Ihre Genome bieten einzigartige Einblicke in die frühe Evolution der Wirbeltiere und tragen zum Verständnis grundlegender biologischer Prozesse bei. Die Entdeckung, dass bereits der gemeinsame Vorfahre aller Wirbeltiere viele genetische Grundlagen moderner Wirbeltiere besaß, hat unser Verständnis der Evolution revolutioniert.

 

Fazit: Schutzwürdige Zeitzeugen der Evolution

Neunaugen repräsentieren ein außergewöhnliches Kapitel in der Geschichte des Lebens auf unserem Planeten. Als eine der ältesten noch lebenden Wirbeltiergruppen haben sie die Dinosaurier um ein Vielfaches überlebt und präsentieren sich heute nahezu unverändert seit ihrer Entstehung vor etwa 500 Millionen Jahren. Ihr komplexer Lebenszyklus mit der langandauernden Larvenphase, der dramatischen Metamorphose und dem eindrucksvollen Laichgeschäft zeugt von evolutionären Anpassungen, die sich über Jahrmillionen bewährt haben.

 

Die Unterwasseraufnahmen von Neunaugen beim Laichgeschäft, wie sie in meinem Film dokumentiert sind, bieten einen seltenen Einblick in einen der faszinierendsten Aspekte ihres Lebenszyklus. Solche Beobachtungen sind nicht nur von wissenschaftlichem Wert, sondern fördern auch das Bewusstsein für den Schutz dieser evolutionären Zeitzeugen und ihrer Lebensräume. In einer Zeit, in der Biodiversität zunehmend bedroht ist, erinnern uns Neunaugen daran, welche evolutionären Schätze in unseren Gewässern leben und wie wichtig deren Erhaltung für zukünftige Generationen ist.

 

März 2025

Autor: Oliver R. Seikel / Fliegenfischerschule-Hessen